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Betrachtung

Weniger ist mehr

Liebe Gemeindeglieder, liebe Freunde unserer Kirchgemeinde, liebe Leserinnen und Leser,warum heutzutage noch verzichten? Müssen wir nicht schon genug Beschränkungen und Einengungen hinnehmen? Haben wir nicht jeden Tag mit unzähligen kleinen und auch dem ein oder anderem größeren Problem zu kämpfen? Und überhaupt: Man verzichtet doch auch freiwillig schon oft genug auf etwas: An der überfüllten Kreuzung zum Beispiel – da verzichtet man doch gern einmal auf seine Vorfahrt – oder beim Einkaufen, verzichtet man auch hin und wieder mal auf den einen Cent Wechselgeld. Doch verzichten wir immer ganz freiwillig und aus einem tiefen inneren Impuls heraus? Oder geben wir die Vorfahrt lieber ab, damit wenigstens irgendeiner fährt und wir schließlich auch weiterfahren können? Anders gefragt: Haben wir überhaupt noch die Zeit zum Verzichten? Wie alles, was man bewusst und aus einer bestimmten Motivation heraus macht, braucht auch das Fasten vor allem Zeit. So widersprüchlich das auch klingen mag – Fasten muss man vorbereiten und man muss außerdem viel Durchhaltevermögen aufbringen, um es so zu gestalten, dass es auch richtig wirken kann. Denn Fasten, wie es Jesus uns gelehrt und vorgelebt hat, erfüllt einen ganz wichtigen und tief verborgenen Sinn: Es hilft uns nicht nur, die Leiden Jesu nachzuvollziehen und seinem Ideal nachzueifern, sondern es hilft uns vielmehr uns wieder auf uns selbst zu besinnen und damit letztlich auch auf Gott. Fasten heißt in sich gehen, alltägliche Dinge aus einer anderen Perspektive wahrnehmen, routinierte Handlungen und Lebensweisen neu zu erleben und bewusst zu tätigen. Dabei geht es nicht darum, wie tief der Einschnitt in unseren Alltag ist, den wir durch Fasten auf uns nehmen. Man kann nicht unterscheiden, ob jemand besser fastet als ein anderer. Wie sollte das auch gehen? Macht es derjenige, der vierzig Tage lang sein Auto stehen lässt und Rad oder Bus nutzt besser als sein Nachbar, der vielleicht „nur“ auf die Schüssel Chips am Abend verzichtet? Beide tun sich und ihrer Beziehung zu Gott etwas Gutes. Im Gegenteil: Jesus warnt uns sogar davor, mit unserem Fasten zu prahlen und uns selbst damit in ein frommeres Licht zu rücken, denn damit wäre das Ziel des Fastens nach Jesu Verständnis verfehlt. Doch auf was soll man denn nun verzichten? Muss es unbedingt Fleisch sein oder der komplette Verzicht auf das Autofahren? Oder reichen kleinere Einschnitte, wie Verzicht auf Schokolade oder Computerspielen auch aus? Darum geht es nicht. Egal wofür man sich im Einzelnen entscheidet, wichtig ist, dass wir uns dabei nicht verstellen! Genau davor warnt uns nämlich Jesus in seiner Bergpredigt: „Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten […].“ Natürlich muss man seinen Tagesablauf anpassen oder eine Gewohnheit umstellen, aber man sollte dabei aus falschem oder übertriebenem Ehrgeiz das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Fasten hilft uns dabei, uns und unsere Umgebung neu zu entdecken und anders wahrzunehmen – es bedeutet einen Perspektivwechsel.Fasten heißt nicht vordergründig Verzichten, sondern eher Bewusst machen. Wenn ich eine eingeschliffene Handlung wieder bewusst tue oder eben darauf verzichte, dann messe ich ihr wieder mehr Bedeutung zu und lerne sie neu zu schätzen. Viele Dinge sind für uns alltäglich und dadurch zur Selbstverständlichkeit geworden, obwohl sie wunderbare Geschenke sind, für die wir jeden Tag neu danken sollten. Durch Routine, durch Alltagshektik und Gewohnheiten verlieren wir allmählich auch den Blick und den richtigen Maßstab für die kleinen Freuden und Wunder des Alltags.Auf der anderen Seite, könnte man dann ja auch mal versuchen etwas sonst Vernachlässigtes bewusst zu tun. Denn in der Fastenzeit tut man ja Dinge bewusst – nämlich in erster Linie Verzichten. Aber anstatt auf die Chipstüte am Abend zu verzichten könnte man ja auch bewusst jeden Tag ein wenig Sport treiben oder bewusst etwas mehr Obst und Gemüse zu sich nehmen. Oder man hört bewusst anderen aufmerksamer zu oder kombiniert einfach den bewussten Verzicht mit der bewussten „zusätzlichen“ Handlung.Wie man es auch handhabt – wenn man sich selbst dabei gut fühlt und die nötige Disziplin zum Fasten aufbringt, kann man sich am Ende der Fastenzeit, also pünktlich zum Ostersonntag auf ein tolles und lang anhaltendes Wohlbefinden freuen. Die Chips schmecken garantiert viel besser und man wird sie bewusster essen oder die sonst alltägliche Fahrt mit dem Auto wird ganz neu erlebt und geschätzt. Durch Verzicht wachsen und neue Erfahrungen machen, muss keine Qual sein. Der Schatten, der über der Passionszeit liegt, muss sich nicht negativ auf uns selbst auswirken, sondern kann uns sogar helfen, uns selbst wieder besser kennenzulernen. Dabei ist es uns als Christen freigestellt, ob wir Fasten und wie lange. Denn Jesus gibt uns lediglich Hinweise zum Fasten, wenn wir es versuchen möchten. Damit ist klar: Fasten kann man nicht einfach so oder weil es alte Traditionen erfordern, sondern nur aus einem tiefen Impuls heraus, aus einer bestimmten inneren Motivation, die uns durch unseren Glauben und durch die Liebe Gottes zu uns gegeben wird. Durch Verzichten können wir wachsen, durch bewussteres Handeln, können wir unser Leben aus einer neuen Perspektive wahrnehmen und unsere Beziehung zu Gott stärken. Manchmal ist weniger eben mehr. Probieren Sie es aus!Ihr Lektor Christian Swistek.



Lucka / Wintersdorf

Ev.-Luth.Kirchgemeinde

Impressum

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Kirche Wintersdorf (Ostthüringen)Evangelisch-Lutherische KircheGeleitwortJubiläen sind geschichtliche Höhepunkte im Leben eines Menschen oder einer Kirchgemeinde: 100 Jahre sind vergangen, seitdem die Wintersdorfer Kirche eingeweiht wurde. Generationen vor uns haben Mühen und Opfer nicht gescheut, um unsere wunderschöne Kirche entstehen zu lassen. Erbe und Überlieferung, Glaube und Verkündigung verschmelzen miteinander. Und die Kirche ist zur sprechenden Zeugin dessen geworden, was Menschen auch vor 100 Jahren bewegt hat: „Friede sei mit euch“, mit diesen Worten werden wir am Kirchenportal empfangen. Maria lauscht den Worten Jesus – ganz aufs Hören kommt es an. Jedes Zeichen und Symbol vertieft die christliche Botschaft: Der Turm ragt wie ein langer Finger in den Himmel, zeigt uns etwas von einer anderen Welt. Die Glocken rufen zu Andacht und Gebet. Die großen Zeiger der Turmuhr erinnern uns daran: „Meine Zeit steht in deinen Händen, Herr“. Kreuz und Altar weisen auf ihn hin, der uns vorangeht und dem wir getrost folgen dürfen. Die Orgel übermittelt den lieblichen Klang einer himmlischen Stimme. So wird unsere Kirche zu einer Predigt und jeder ist eingeladen ihren Worten zu lauschen – sie ist Gestalt gewordene Treue Gottes zu seinen Menschen. Der Erinnerung und dem Dank soll dieses kleine Büchlein Ausdruck verleihen. Mein Dank gilt all jenen, die zur Entstehung dieser kleinen Schrift beigetragen haben.Pfarrer Hans NitzscheWintersdorf, Sommer 2007

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